Nationalpark Eifel

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Ranger Sascha fragt: Wer spinnt denn da im Nationalpark Eifel?

März 2011. Wer kennt es nicht, dieses Phänomen, das sich Wanderern zeigt, die schon früh morgens unterwegs sind: Eine ganze Lichtung ist mit Spinnweben eingedeckt. Hunderte einzelne Netze ergeben ein beeindruckendes Bild, das eine Fläche so groß wie ein Fußballfeld bilden kann. Dieses Naturschauspiel finden wir besonders häufig im Herbst vor, aber auch, etwas seltener, im Frühling. Habt ihr Euch auch schon mal gefragt: „War das gestern auch schon da? Warum ist das gerade heute so zu sehen?" Die Antworten auf diese Fragen sind natürlich mal wieder nicht so ganz einfach. Einige Voraussetzungen müssen gleichzeitig erfüllt werden, damit wir uns an diesem beeindruckenden Bild erfreuen dürfen.

Es ist in diesem Fall eine bestimmte Spinnenfamilie, deren Netze wir so flächendeckend und dicht über dem Boden beobachten können. Es handelt sich um die Baldachinspinnen. Diese stellen mit über 400 Arten die größte Spinnenfamilie Mitteleuropas dar. Über die Hälfte dieser Arten gehört zur Unterart der Zwergspinnen. Am Namen ist schon zu erkennen, dass es sich hier um recht kleine Spinnen handelt. Die Körpergröße, ohne Beine gemessen, ist meist deutlich unter einem halben Zentimeter.

Im Frühling und im Herbst kommt es häufig vor, dass sich Tau auf den freien Waldflächen bildet. Dieser entsteht, weil der Boden nach klaren, kalten Nächten um einiges niedriger temperiert ist als die Lufttemperatur, die sich schnell durch die aufsteigende Sonne erwärmt. Der Temperaturunterschied lässt die Luftfeuchtigkeit kondensieren - es entstehen Wassertropfen, die in den feinen Spinnennetzen hängen bleiben. Dadurch werden die Spinnennetze für uns erst deutlich sichtbar. Die dünnen Spinnfäden nimmt unser Auge an anderen Tagen gar nicht wirklich wahr.

Also ist die Frage somit beantwortet, die Netze der Spinnen sind auch sonst da! Doch Halt, ganz so einfach ist das Ganze nun doch wieder nicht!

Häufig im Herbst gesichtete Naturphänomene dieser Art setzen sich aus vielen kleinen Netzen zusammen. Doch was ich an einem Frühmorgen der letzten Tage gesehen habe, sah ganz anders aus: Auf mehreren Freiflächen mit alten Astgerippen toter Fichten waren diese mit Netzgebilden bedeckt, die bis zu zwei Quadratmeter groß waren. Das konnte nicht das Werk einer kleinen Baldachinspinne sein! Das musste ich mir genauer anschauen. Bei näherem Hinsehen fielen mir dann zum Teil hunderte dieser kleinen Spinnen in einem großen Spinnfadengebilde auf. Wie sich dann herausstellen sollte, ist dieses Verhalten so selten, dass sich die sonst teils nur durch Mikroskopie unterscheidbaren Arten auf zwei reduzierten. Denn die übrigen Arten sind Einzelgänger und jede Spinne baut ihr eigenes Netz.

Die vor Ort entstandenen Bilder ließen dann auch keinen Zweifel mehr zu. Es handelt sich um die Baldachinspinne „Nusoncus nasutus". Der deutsche Name ist Gebirgs- oder Zwerg-Nasenspinne. Übrigens werden auch heute immer noch neue Arten der Baldachinspinnen in Westeuropa entdeckt.

Uneinig ist sich die Wissenschaft, warum diese Gespinste entstehen. Die Spinnen verlassen bei steigenden Frühjahrstemperaturen ihre Winterquartiere in der Blatt- und Nadelstreu auf dem Waldboden. Möglich ist, dass sich die Spinnen an ihren Fäden in andere Flächen wehen lassen und diese auf Grund mangelnder Luftthermik die Gespinste bilden. Oder aber die Spinnen bauen absichtlich die Gebilde zu Paarungszwecken. Fest steht nur, bei Nusoncus nasutus weiß man es nicht genau.

Bei vielen Arten, die im Herbst für ein ähnliches Bild verantwortlich sind, ist man sich sicher, dass Ersteres stimmt. Die Baldachinspinnen weben einen langen Spinnfaden, an dem sie sich durch die Luft an andere Stellen tragen lassen. Dieses Verhalten dient der Ausbreitung der Art und nennt sich Ballooning. Der Volksmund spricht dann vom Altweibersommer. Wobei der Begriff Weib nichts mit dem altdeutschen Wort für Mädchen zu tun hat, sonderm vom ebenfalls altdeutschen Wort weiben stammt. Es spricht vom Knüpfen der Spinnweben in früherer Zeit.* Hier ist auch der Zusammenhang mit den Spinnweben unserer achtbeinigen Bekannten zu finden.

Sicher war dies nicht mein letzter Ausflug in die hochinteressante Welt der Spinnen. Dabei wollte ich doch nur ein paar Bilder von den mit Tau bedeckten Netzen machen. Erst der Kontakt zu unserm Spinnenexperten Dr. Martin Kreuels hat mich neugierig gemacht, mehr zu erfahren. Dr. Martin Kreuels hat die Spinnenart auch bestimmt und mit seinen Informationen diesen Bericht möglich gemacht.

Bis bald, Euer Ranger Sascha Wilden

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